Lychener 64 Berlin-Prenzlauer Berg

Lychener 64 Berlin-Prenzlauer Berg
Ein Dokumentarfilm von Jakob Rühle,
Fabio Dondero und Teresina Moscatiello
Deutschland 2010,  84 Min. Farbe, Digi Beta, fsk 0

Inhalt:

20 Jahre nach der Wende ist das größte Stadterneuerungsprojekt Europas beinahe beendet. Im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg wird eines der letzten maroden Häuser saniert: Das Mietshaus Lychenerstraße 64. Über zwei Jahre begleitet der Film das Haus und seine Bewohner im Ausnahmezustand und beobachtet die allmähliche Transformation vom selbstbestimmten Leben im Substandard zur Anpassung an die Norm. “Lychener 64″ zeichnet die verschiedenen Bauphasen des Hauses auf und lässt alle, die diesen Prozess der räumlichen und sozialen Umrüstung mit gestalten zu Wort kommen. Dokumentiert werden Verhandlungen, Entwicklungen und Stimmungsschwankungen einer Haus- gemeinschaft, die immer stärker zusammenfindet. Mit mehr oder weniger Ausdauer und Verhandlungsgeschick, begegnen die Protagonisten der vielgestaltigen Front der Sanierer und bewältigen ihren gelegentlich absurden Alltag, zwischen Bauschutt, Presslufthämmern und Umzugskartons. Zugleich erleben wir, wie sie – ausgelöst durch die Bedrohung ihres eigenen Wohnraums – zunehmend Fragen stellen nach individuellen Freiräumen, Anpassung oder Widerstand . Sie erleben sich in wechselnden Rollen, als potentielle Eigentümer, Verdrängte, Umgesetzte oder doch nur Geprellte. Werden sie zu den Nutznießern der Sanierung gehören? “Lychener 64″ führt Gentrifizierung als erlebte Realität vor Augen und schlägt mit der Montage von historischem Filmmaterial den Bogen zur wechselhaften Geschichte des Prenzlauer Bergs, die immer auch ein Kampf um Wohn-Raum war.

Die Protagonisten

Simone
Grafikerin und passionierte Sammlerin, zur Zeit arbeitslos, hat Erfahrung als Hausbesetzerin und lebt seit 1987 mit ihrem Sohn und acht Papageien in einer großen teilrenovierten Wohnung inclusive Fußbodenheizung für die Vögel. Sie findet, dass sie super lebt und ist wütend über das Gerede vom Substandard. Die Verhandlungsmanöver mit dem Hauseigentümer sind für sie nichts anderes als der Versuch, sie rauszuekeln.

…wenn mir irgendeiner erzählen will, dat ick schlecht lebe, kann ick nur sagen, der hat ‘nen Ei auf dem Kopp…Deswegen regt mich das auch gar nicht uff, wenn die zu mir sagen, ich lebe Substandard, weil ick immer noch der Meinung bin, ick lebe viel besser wie sie….

Viktor und Ljusik
Student und Gelegenheitsarbeiter, kommt aus der Ukraine. Er ist, im Gegensatz zu seiner Freundin Ljusik, hart im Nehmen was Wohnkomfort oder Außentoilette auf halber Treppe angeht. Sie aber sehnt sich nach einem ganz kleinen bisschen Luxus. Viktor hat gern Leute um sich, Enge ist für ihn kein Problem. Er ist dem morbiden Charme des Hauses verfallen und schätzt die extrem niedrige Miete. Bis zuletzt haust er auf der von allen anderen Mietern geräumten Baustelle und betreibt lustvoll den Verhandlungspoker mit dem Eigentümer. Als er auszieht, hat er was gelernt.

…Der hat mich auch gefragt, freuen Sie sich darüber oder nicht und so weiter,und ich habe ihm natürlich ehrlich gesagt, mir ist scheiß egal, ich hab ihm gesagt: Mann, ich mag das nicht! Ich mag so meine Wohnung, wie es ist…

Karsten
Gastronom, hat seit seiner Inbesitznahme der Wohnung 1984 viel Geld und Arbeit in die Renovierung gesteckt, sie ist mit Abstand die schickste Wohnung im ganzen Haus. Er verbindet mit der Lychener 64 besonders stark die Aufbruchstimmung der Wendezeit und empfindet seinen Abgang als schäbig.

…dass ich die letzten Tage oder Wochen im Haus bin, in meiner wunderschönen Wohnung und eigentlich kein Wasser habe, das nervt…
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Sophie
geboren im Prenzlauer Berg, macht während der Sanierung ihr Abitur. In ihrer Zweiraum-Wohnung, im 4. Stock Vorderhaus, mit Kohleofen und Außentoilette lebt sie zusammen mit ihrer Freundin Jule, zum ersten mal allein. Sie mag das Haus, das sie fast zärtlich als schöne alte Lady bezeichnet. Die Begleitumstände der Sanierung sind für sie erste Gehversuche in der Erwachsenenwelt. Am liebsten will sie reisen und raus aus Berlin.

…irgendwann muss mal Schluss sein! Es muss Platz gemacht werden für Neues!
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Judith und Viola
beide Ende zwanzig, teilen sich die große WG, die schon seit Jahrzehnten mit wechselnden Bewohnerinnen existiert. Sie hängen nicht nur an ihren fünf Räumen, sondern kämpfen auch um ihre Lebensform, die unter den Konditionen des freien Markts nicht mehr möglich sein wird.

… wir haben erstaunlich viel Macht. … und ob da irgendwelche Leute aus Leipzig kommen und sagen `das ist jetzt unser Haus´, das werden wir noch sehen. Rechtlich ist das vielleicht ihr Haus, aber noch sind wir hier drin…

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Robert und Herrmann
Architekt und Tänzer finden – nicht ohne Bedauern – dass die Zeit für Kämpfe vorbei sei und wollen in neue Freiräume schlüpfen.

…Es gibt halt irgendwie nicht mehr den bösen Boss, der mit Zigarre und Kapitalismus und so, …die kommen halt sehr freundlich daher, und wenn du was sagst, ein Problem ansprichst, dann verstehen die dich immer, sofort…. Das macht es natürlich auch viel schwieriger zu agieren und den Feind in denen zu sehen. Also klar, die sind da schon ganz schön clever…
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Den Sanierungsprozess begleiten:

Die Mieterberaterin des Bezirks und die Anwälte der Betroffenenvertretung informieren die Mieter über den Ablauf der Sanierung und ihre Rechte. Der Sanierungsexperte erläutert die Motive eines Investors und betrachtet das Haus mit den Augen eines Sanierers. Die vom Senat beauftragten Vertreter der S.T.E.R.N. (Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung) erläutern ihr Konzept der Stadterneuerung. Schließlich führt uns der Bauleiter der Lychener Str. 64 durch das fast nicht wieder zu erkennende sanierte Haus.

Team:

  • Redaktion rbb: Birgit Mehler
  • Produktionsleitung rbb: Jörgen Radach
  • Archivrechte: Ursula Rühle
  • Schnitt: Jörg Schreyer, Jakob Rühle, Teresina Moscatiello
  • Schnittbetreuung: Nelia Székely
  • Untertitel: Annelie Wheeler
  • Musik: Hayden Chisholm
  • Sounddesign: Thomas Kalbèr
  • O-Tonschnitt: Sabrina Naumann
  • Mischung: Eric Horstmann, Dominik Schleier/ The Post Republic
  • Farbkorrektur: Gregor Pfüller/ The Post Republic
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