Constructing Sochi

Dokumentarfilm, Deutschland 2014, 73 Min.

Der russische Badeort Sotschi rüstet sich für die Olympiade im Februar 2014. Hinter den Häusern der Anwohner wachsen gigantische Betongerippe empor. „Im großen Stil, auf Neuland“ werden Eisstadien, Hotels und neue Strände geschaffen, schwärmt der Bürgermeister. Doch auf dem Neuland der Bucht leben zu Baubeginn 4000 alteingesessene Bewohner, die den Planungen auf weißem Papier im Wege stehen.

Über vier Jahre begleitet Constructing Sochi Pawel, Natascha, Lena und Volodja, denen die Umsiedlung bevor steht. Aus ihrer Perspektive beschreiben die Aufnahmen die sukzessive Ablösung der Häuser und Felder durch Sport- und Wohnkomplexe in der Gleichförmigkeit der globalisierten Bauindustrie. Der Film porträtiert diese Anwohner in ihren alten und neuen Häusern. Wir erleben sie im Kampf für eine angemessene Entschädigungen und in ihrer Ohnmacht gegenüber einem autoritären System, das weder über freie Medien noch eine freie Justiz verfügt.

Inhalt

Pawel als Ex-Militär ist sensibilisiert für die subtilen Taktiken der Organisatoren und kann über ihre Schachzüge und ihre systematische Unterbewertung der Grundstücke berichten.

Seit Generationen wird die Imeretinskaja Bucht mit ihren großen Gartengrundstücken landwirtschaftlich genutzt. Mit ihrem Verlust durch die erzwungene Umsiedlung verlieren  die Bewohner einen Teil ihrer Existenz und Identität. Pawel nimmt seine Erde kurzerhand mit. Was würden seine Enkel später sagen, wenn er diese fruchtbare Erde nicht mitgenommen hätte. Pragmatisch und traditionsverhaftet zugleich
konstatiert er: „Wir werden leben -  in einem neuen Haus,
mit unserer alten Erde.“

Für Natascha, Sprecherin der Anwohner, ist das Sportevent lediglich ein Vorwand, um sich den kostbaren Küstenstreifen unter den Nagel zu reißen: „Dort habt ihr den blauen Zaun, dort habt ihr die Olympiade – aber hier: Hände weg”, kommentiert sie die Invasion der blauen Bauzäune. Sie attackiert das willkürliche Bauen der Olympia-Macher und kämpft selbstbewusst gegen den Verlust ihrer Häuser und für den Erhalt des öffentlichen Strandes.

Lena möchte ihr Fleckchen Heimaterde nicht verlassen und harrt lange in ihrem Holzhäuschen aus. Um sie herum tobt schon der Bulldozer Krieg um Erde, die illegal nachts abgetragen wird, um anderswo gewinnbringend  als Baumaterial verkauft zu werden.

Volodjas zweistöckiges neues rotes Backsteinhaus steht einem geplanten Straßenbau im Weg. Die Olympia-Macher erklären ihn im Nachhinein zum illegalen Bauherrn. Wenig später sitzt Volodja auf dem Bett einer Notunterkunft und berichtet von der brutalen Räumung und dem nächtlichen Abriss seines Hauses. Noch ahnt er nicht, welch absurde Wendung sein Fall nehmen wird. Mit Volodjas Geschichte wird die Willkür und Rücksichtslosigkeit, mit der der russische Staat seine Bürger behandelt offensichtlich.

Neben die sich verändernden Lebenswelten der Anwohner stellt der Film die glamouröse Rhetorik des Bürgermeisters Anatoli Pachomov. Als Vertreter der Macht ist er unentwegt im Einsatz, um das von Vladimir Putin verordnete Großprojekt zum Ruhme Russlands umzusetzen. In Manier eines kleinen Zaren fährt er mit seiner Limousine durch die Stadt und beschwört, dass „die Leute zufrieden sein werden.”

Der Bürgermeister verspricht nicht in jedem Punkt zu viel. Für Lena mischt sich unter die Traurigkeit über die verlorene Heimat auch Zufriedenheit angesichts der besseren Lebensbedingungen im neuen Haus.

Doch der Schein der neuen komfortablen Häuser täuscht über die fragwürdige Zukunft der Umsiedler hinweg. Sie verbleiben ohne Ackerland und ohne Arbeit in einer ganz auf Massentourismus setzenden verbauten Bucht – ein Ende mit offenem Ausgang.

Über vier Jahr beobachtet Constructing Sotschi den Mikrokosmos der Imeretinskaja Bucht, über den in kürzester Zeit eine Welle der Urbanisierung hinweg rollt. Im Zeichen der Olympiade findet an der Schwarzmeerküste eine Neusetzung von Grenzen und Umcodierung der Landflächen statt. Im Spannungsfeld zwischen Sowjetvergangenheit und Moderne, alter Erde und neuen Häusern, sucht die Langzeitstudie fernab simplifizierender Russland-Denkmuster und schwarz-weiß Malerei die Ambivalenz von Erhalt und Modernisierung sichtbar zu machen.

Regie: Steffi Wurster – Kamera: Eugen Schlegel / Steffi Wurster – Schnitt: Steffi Wurster – Dramaturgische Beratung: Lena Rem – Produktionsleitung: Alexander Bundtzen Produzent: Jakob Rühle, Teresina Moscatiello – Produktion: Sinafilm GmbH, WDR
Mit Unterstützung des Goethe Instituts und des Künstlerinnenprogramms der Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten
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